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Peter Niklas Wilson
Rolf-Dieter Weyer
Peter Niklas Wilson
(…) Tatsächlich ist dies eine sorgfältig produzierte und ansprechend präsentierte Plattenveröffentlichung, die gleich zwei inhaltliche Vorzüge auf sich vereint. Zum einen ist sie ein Forum für das stupende Oboenspiel des Leipziger Hochschullehrers und DDR-Nationalpreisträgers Burkhard Glaetzner, zum anderen ein kleines Kompendium neuerer kompositorischer Tendenzen im anderen Deutschland. Alle fünf Stücke dieser LP kommen von Tonsetzern, die Glaetzner zur mittleren Komponistengeneration der DDR zählt, jener Generation, welche das Bild der „neuen gegenwärtigen DDR-Musik“ (F. Schneider) prägen, und sie entstanden zudem in einem ebenso klar umrissenen Zeitraum, nämlich in den Jahren 1974 bis 1980 – und alle als Auftragswerke Glaetzners.
Beim Hören der Stücke – drei Solostücken, eines für Oboe und Posaune, eines für einen Solisten und drei auf Tonband aufgezeichnete Oboenpartner – wird man freilich weniger markant einem vermeintlichen DDR-spezifischen „Ton“ begegnen als zunächst all den Innovationen und Ideen, Manierismen und Klischees, die auch anderswo in den siebziger Jahren Kompositionen für Soloblasinstrumente prägten: Die Vielzahl und eindrucksvolle Wirkung der von einem Virtuosen wie Glaetzner beherrschten neuen Spieltechniken (Flageoletts, Mehrklänge, Mikrotöne, gleichzeitiges Singen und Spielen, Spiel mit Trompetenansatz usw.) verführte eben allenthalben zu inflationärem Gebrauch und ließ die Beschränkung auf wenige, dafür aber strukturtragend verwendete Techniken schwerfallen. In Friedrich Schenkers Orfeo: gioco – grido – canto, einem Recita per Oboe e Trombone, von Glaetzner gemeinsam mit dem Komponisten interpretiert, sind die neuen Klänge immerhin durch die Semantik des (von den Musikern virtuos deklamierten Texts inspiriert, und in Reiner Bredemeyers (Oboe)² ergeben sich neue Aspekte durch die klangliche Massierung von vier Instrumenten. Ästhetische Skrupel wie die angedeuteten treten allerdings immer wieder in den Hintergrund angesichts von Glaetzners souveränem und engagiertem Spiel, das auch die diffizilsten und bizzarsten Tonmanipulationen elegant in den musikalischen Fluss einbindet: Die Stücke erhalten so teilweise den Gestus geglückter Improvisationen, was zweifellos ein Kompliment für den Interpreten, wenn auch nicht unbedingt eines für die Komponisten darstellt.
aus: Neue Zeitschrift für Musik # 7/8, 1989
Rolf-Dieter Weyer
Erweiterungen der Spieltechnik und des Klangraums haben sich historisch gesehen bis heute zunächst immer solistisch oder in Kleingruppen entwickelt und vollzogen. Für die Übertragung auf Großgruppen und großformatige Kompositionen bedarf es einer längeren Zeit.
Die vorliegende FMP-Produktion macht daher den Hörer mit den modernsten akustischen Techniken der Oboe bekannt, ihren klanglichen Erweiterungen und zugleich mit Kompositionen von DDR-Komponisten, die hierzulande noch wenig bekannt sind, wenn man nicht gerade ein Hörer neuer Musik ist, der über Jahre in unserem öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramm die aktuellsten Produktionen beachtet. Insofern ist die vorliegende LP eine wichtige Dokumentation, die einem Informationsdefizit abhelfen kann.
Alle fünf Kompositionen stellen die Oboe in einen jeweils charakteristischen Kontext, schaffen zwischen Melos und Sprechduktus, zwischen Ein-Ton-Verbindungen und Mehrklang-Spreizungen und zwischen tonal Vertrautem der 60er Jahre und Experimentellem der 70er eine sinnfällige, assoziationsreiche Textur. Zuweilen reicht diese bis an die Grenze des Spielbaren, ja kalkuliert die Anstrengung und Mühe des Noch-Spielbaren offenbar als kompositorisches Merkmal mit ein. Die Meisterschaft des Bläsers Burkhard Glaetzner besteht in eben der Beherrschung der kompositorischen Erfordernisse, in einer Art kühlen Gelassenheit der Interpretation und einem Schuss bissigen Humors. Denn in der Schlusskomposition taucht eine Reprise auf unseres gesamtdeutschen Jägerlateins auf;wenigstens das Jäger-Fanfarenmotiv verbindet uns.
aus: Jazzthetik # 12, Dezember 1988
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